Hellste-Koepfe. Die fahrende Radiologin – Rotation in die Lungenklinik.
Wir planen Wartungsarbeiten am 12. April 2010 in der Zeit von 11 bis 18 Uhr.

Die fahrende Radiologin – Rotation in die Lungenklinik

Dr. Hannah Hentschel ist Weiterbildungsassistentin im dritten Jahr in der Radiologie des Amalie Sieveking Krankenhauses in Hamburg, die in Kooperation auch die Radiologie der LungenClinic Großhansdorf betreibt. Für die angehende Radiologin ergibt sich hieraus die Chance, zur Ausbildung in der Thoraxradiologie für die Dauer von sechs Monate an die Spezialklink im Hamburger Umland zu rotieren – was zwar langes Pendeln, aber auch spannende Einblicke bedeutet.

von Dr. Hannah Hentschel, Dezember 2013

Dr. Hannah HentschelIch sitze in der U-Bahn auf dem Weg zu meinem zweiten Einsatzort Großhansdorf, Radiologie der LungenClinic. 50 Minuten Fahrzeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, dann erreiche ich die Waldgemeinde, einen 9000-Einwohner-Ort im Kreis Stormarn in Schleswig Holstein, der faktisch zur Agglomeration Hamburgs gehört. Eine kleine Weltreise für jemanden wie mich, der gern im Zentrum lebt und gewohnt ist, vieles in wenigen Minuten fußläufig zu erreichen. Die radiologische Abteilung in Großhansdorf wird in Kooperation mit der entsprechenden Abteilung des Amalie-Sieveking Krankenhauses betrieben. Wir Assistenzärzte unterstützen dort regelmäßig in Rotation das konstante Team aus zwei Oberärzten aus der Sektion pulmonale Radiologie.

Zunächst jedoch gemischte Gefühle meinerseits. Die bloße Vorstellung, den ganzen Tag CT Thoraces zu befunden, erscheint mir zunächst einmal recht eintönig. Ich schätze ja gerade an meinem gewohnten Arbeitsplatz die Abwechslung nicht nur zwischen den einzelnen Modalitäten CT, MRT und Projektionsradiographie sondern auch - organbezogen - die Fragestellungen aus den unterschiedlichen Fachrichtungen. Außerdem zeigt die Lunge, wie allgemein bekannt ist, nur eine eingeschränkte Anzahl morphologisch distinkter Reaktionsmuster auf zahlreiche Ursachen. Bei vorangegangenen internen Fortbildungen hatte ich mich für diese anfangs oftmals nur andeutungsweise erkennbaren pathologischen Veränderungen in der HRCT nur wenig  begeistern können.

An der Endhaltestelle angekommen macht sich gesunder Pragmatismus breit – einfach diesen Einsatz als Chance sehen, Bildeindrücke insbesondere von seltenen Lungenerkrankungen mitnehmen und auf hohen Wiedererkennungswert setzen.

Der alte Medizinerspruch Häufiges ist häufig und Seltenes ist selten sollte sich in der kommenden Zeit in der LungenClinic bewahrheiten. Ein Großteil der Arbeitszeit beschäftige ich mich mit dem Bronchial-Carcinom und beantworte immer wiederkehrende Fragestellungen wie Staging vor Therapie,  Verlaufskontrolle unter 1st, 2nd und 3rd line Chemotherapie oder auch nach Strahlentherapie. Die meisten Patienten werden in kontrollierten Studien behandelt, so dass ein genauer Vergleich mit Voruntersuchungen nötig ist, um das Therapieansprechen gemäß der RECIST Kriterien zu objektivieren.

Als Ärztin in einem diagnostischen Fach sehe ich mich erstmalig in regelmäßigen Abständen mit denselben Patienten konfrontiert, muss den Tumorverdacht bestätigen, den Erfolg oder Misserfolg der Therapien beurteilen und Komplikationen medikamentöser und operativer Therapien beschreiben. „Stellen Sie sich bei der Betrachtung der Bilder immer die Frage, was Sie für den Patienten noch tun können“, sagt mein Oberarzt oft, wenn ich ihm Bilder von Patienten mit besonders fortgeschrittenem Tumorleiden vorstelle. Er lehrt mich, auf begleitende Lungenarterienembolien, Myelonkompression bei spinaler Infiltration oder auch einen zusätzlichen Perikarderguss, eine obere Einflussstauung oder eine Stenosierung des Ösophagus bei Einbruch ins Mediastinum zu achten.

Ein weiterer Schwerpunkt sind  die Berufskrankheiten mit pulmonaler Manifestation. Ich werde Augenzeuge, wie sich die Prophezeiung aus Studienzeiten erfüllt: Ich sehe reihenweise Patienten mit asbest-assoziierten Erkrankungen, darunter nicht wenige mit diffusem malignen Mesotheliom, das auch als „Signaltumor“ einer stattgehabten Asbeststaubexposition bezeichnet wird. Bei der CT-Aufklärung – ein Gespräch nur wenige Minuten lang – wird der ganze Frust spürbar, unabhängig davon, ob die Berufskrankheit bereits als solche anerkannt ist oder nicht. Hier fehlen die Worte. Kurz zuhören oder einfach sachlich fokussieren? Wie auch immer, das Gefühl hilflos zu sein, bleibt. Daneben werden hier auch andere als Berufskrankheiten anerkannte Erkrankungen diagnostiziert und ich lerne, wie – manchmal  etwas mühselig - sehr präzise radiologische Fachgutachten erstellt werden. Welches Protokoll ist für die Beantwortung typischer pulmonologischer Fragestellungen  zu verwenden? Wann ist ein hochauflösendes Computertomogramm zwingend erforderlich? Können zusätzliche Schichten in Bauchlage zur Klärung beitragen, oder ist es eine unnötige zusätzliche Strahlenexposition?  Was die technischen Details betrifft weiß ich mir inzwischen auch zu helfen.

Aber: „Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige." Als Neuling in der Lungenradiologie ist es nicht immer leicht in der Kürze der Zeit zu erfassen, worauf speziell das Augenmerk zu richten ist. Bisweilen krankt man am eigenen Anspruch.  Unumstritten sind hier Bücher oftmals hilfreich, aber nicht immer effektiv. Bewährt hat sich für mich der Austausch mit den Klinikern. Hier gibt man mir immer bereitwillig und freundlich Auskunft. Auch therapeutische Optionen werden auf Nachfrage gern erklärt – so etwa beim COPD Patienten das Prinzip der endoskopischen Lungenvolumenreduktion durch Ventilimplantation. Einmal verstanden weiß man, worauf es ankommt, und sucht künftig schnell nach Parenchymbrücken, um auf die Kollateralventilation hinzuweisen.

Das kollegiale Miteinander und die enge Verzahnung der Fächer erlebe ich auch nach CT-gesteuerten Feinnadelpunktionen. So lässt mich der Leiter der Zytologie, unter fachkundiger Anleitung auch selbst das Ausstrichpräparat nach Zellverbänden durchmustern. Es ist immer wieder erfrischend, über den eigenen Tellerrand zu schauen.

Fazit: 

Es wäre Hybris zu behaupten, man wäre nach sechs Monaten LungenClinic sattelfest auf dem Gebiet der pulmonalen Radiologie. Gleichwohl habe ich hier viel gelernt und die Fahrerei nach Großhansdorf hat sich eindeutig gelohnt.  Naturgemäß wird in der LungenClinic das Tagesgeschäft überwiegend bestimmt durch Staging-Untersuchungen bei Patienten mit Bronchial-Carcinom vor oder nach Therapie. Doch finden sich immer wieder auch andere spannende Fragestellungen wie nach interstitiellen Lungenerkrankungen, dem Lungenemphysem, nach Berufskrankheiten oder auch nach der Sarkoidose, dem Chamäleon der Medizin. Völlig unerwartet wie ein 6er im Lotto bekommt man plötzlich auch mal eine Alveolarproteinose zu sehen, die man bis dato allenfalls aus dem Lehrbuch kannte. Die Kooperation mit der Radiologie der Lungenspezialklinik ist daher für uns Assistenten eine tolle Chance, ein Themengebiet intensiv zu erlernen, das als eher schwierig und sehr speziell angesehen wird – auch, wenn es mal unbequem ist.



Die Sarkoidose - das Chamäleon der Medizin.

 

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